Bio aus Überzeugung
Bioboom, 06.04.09
<p>Eine Bundesstraße wenige Kilometer vor Hannovers Vororten. Eine Windmühle überragt die Häuser am Dorfeingang, am Zaun weist ein Schild auf "Maages Landladen" hin. "Sie haben ihr Ziel erreicht", bemerkt das Navi nach dem Abbiegen freundlich.</p>
<p>Das haben offensichtlich auch andere: Trotz des unfreundlichen Nieselwetters an diesem Vormittag herrscht ein stetes Kommen und Gehen im freundlichen, kleinen Geschäft, das immerhin 100 Quadratmetern hat. Hier gibt es Fleisch und Wurst von Maages Schweinen, Roggen und Weizen, Porree und Möhren direkt vom Hof, aber auch Naturkosmetik, Miso-Suppe und Olivenöl. Zwei Mitarbeiterinnen wuseln im gepflegten, freundlichen Geschäft mit der gepflegten, klar beschilderten Gemüseauslage, vier sind es insgesamt. "Der Laden läuft gut, aber trotzdem: Wir könnten auch mal wieder umbauen", bemerkt Ulrike Maage freundlich-kritisch. Die Frau des Bauern Ernst-Friedrich Maage hat seit den frühen 1980er Jahren die Direktvermarktung auf dem Bioland-Hof Maage in Benthe aufgebaut, der 40 Hektar Land bewirtschaftet. Ulrike und Ernst-Friedrich Maage gehören zur ersten Generation der Bio-Pioniere.</p>
<h3>Achtziger Jahre: das Politische wird persönlich</h3>
<p>Ein Blick in die frühen 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Maages sind politisch interessiert und engagiert, sie lesen Bücher wie "Ein Planet wird geplündert" von Herbert Gruhl. Es ist die Zeit der Demonstrationen gegen Atomkraft und Aufrüstung, der Gründungsjahre der Grünen. Die Kinder sind klein, man macht sich Gedanken über ihre Zukunft. Der Vater bekommt die Auswirkung der konventionellen Landwirtschaft am eigenen Leibe zu spüren: "Wir haben ja wirklich noch so Sachen wie E 605 gespritzt, einfach vom Trecker, ohne geschlossene Kabine. Und irgendwann hatte ich dann Lähmungserscheinungen im Bein…" Das Politische wird noch persönlicher, als eins der Kinder Neurodermitis bekommt. Das gibt letzten Endes den Ausschlag für die Entscheidung der Eltern, auf dem traditionsreichen Hof (1548 wird er das erste Mal in Urkunden erwähnt) einen neuen Weg zu wagen. 1985 ist es soweit: Die Maages werden Bio-Bauern. Und sind plötzlich Exoten.</p>
<p>"Wir waren die Spinner hier auf dem Dorf"</p>
<p>Auf den Äckern wird Fruchtfolge statt Monokultur eingeführt, statt Zuckerrüben wachsen dort nun Dinkel und Gemüse. Waren es vor der Umstellung 400 Schweine, die pro Jahr gemästet wurden, sind es jetzt nur noch 90, die sich allmählich mit Bio-Getreide und -Kartoffeln rund futtern. Die betrieblichen Anforderungen bekommen die Maages bald in den Griff. Schwierig ist am Anfang die persönliche Situation der Pioniere. "Als wir den Hof umstellten, waren nicht nur Kollegen, sondern auch viele unserer Freunde im Ort sehr ablehnend. Wir waren die Spinner hier auf dem Dorf", erinnert sich Maage senior und freut sich, dass diese Zeiten vorbei sind. Fördergelder oder Prämien gibt es nicht für die Umstellung. Egal: "Wir sind diesen Schritt aus Überzeugung gegangen, nicht aus Kalkül." Dennoch ist Maage überzeugt, dass seine Entscheidung auch wirtschaftlich die richtige war. "Konventionell hätten wir als kleiner Betrieb bestimmt nicht langfristig überleben können."</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Gelebte Regionalität</span></p>
<p>Die Vermarktungsstrukturen für Bio-Produkte sind erst im Entstehen. Die Direktvermarktung im eigenen Hofladen ist der naheliegende Ausweg. In jenen Jahren ist Maages Landladen Treffpunkt für viele "Alternative", oft junge Familien, die zum Teil lange Anfahrtswege in Kauf nehmen, um biologische Produkte kaufen zu können. Wichtig ist der enge Austausch mit anderen regionalen Erzeugern und Verarbeitern, der bis heute gepflegt wird. Die Bio-Bäckerei aus dem nahe gelegenen Hannover bezieht ihr Getreide vom Hof, das Brot wird wiederum im Hofladen verkauft. Ein Erzeuger liefert Möhren, der andere Kohl, so können beide mit einem breiteren Angebot punkten, ähnlich läuft es beim Fleisch: Wir die Schweine, ihr die Rinder. Bis heute kennt man sich, trifft sich. Getreide, Schweine, Möhren und Kartoffeln sind die Haupterzeugnisse von Maage. Zusätzlich tummeln sich auf dem Hof ein Esel, ein Pony, drei Ziegen, ein Wollschwein, 8 Toulouser Gänse, 15 Hühner und 5 Laufenten. Allesamt genießen sie Platz sowie artgerechte Haltung und sind das Entzücken der Schulklassen, die den Hof besichtigen. "Diese Tiere sind für uns kein wirtschaftlicher Faktor, sie dienen quasi der Hofbelebung", erläutert Maage. Auch auf den Ackerflächen ist Platz für Hecken und Grünland, Brache und Blumenwiesen.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Keine Chance für Schwarz-Weiß Denken</span></p>
<p>"Bei Bio-Großbetrieben ist heute standardisierte Rohware genauso Pflicht wie bei allen anderen", erläutert Maage. "Die kleinen, handwerklich arbeitenden Bio-Betriebe sind in der Lage, sich auf z. B. wechselnden Eiweißgehalt im Getreide einzustellen und ihre Teigführung anzupassen." Trotz Streicheltier und Blumenwiese: Er ist keiner, der ein romantisches Bild des Bio-Lebens pflegt. Für beides ist in Maages politischem Weltbild Platz, für die großen Bio-Betriebe mit quasi industrieller Produktion genauso wie für die kleinen, die mit handwerklicher Qualität punkten. "Für mich war es immer ganz wichtig, dass wir unseren Kindern eine überlebensfähige Welt hinterlassen. Und das geht nun mal nicht aus der Nische heraus." Er hat deshalb keine Berührungsängste. Nicht mit anderen Erzeugern, nicht mit Discounter-Bio und auch nicht mit konventionellen Kollegen, deren Treffen er ebenfalls manchmal besucht. Gerade hat die EU besonders gefährliche Pestizide verboten, sehr zum Missfallen der Agro-Chemie-Hersteller. "Ich sage meinen konventionellen Kollegen dann, seht das doch als echte Chance, lasst euch nicht vor den Karren spannen!"</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Noc</span><span style="font-weight: bold;">h nie ein Schwein aus der Nähe gesehen</span></p>
<p>2001 wurde der Biolandhof Maage einer von 200 Demonstrationsbetrieben des ökologischen Landbau. Die damalige grüne Verbraucherschutzministerin Renate Künast wollte massiv den ökologischen Landbau fördern. Zweihundert der ältesten und erfolgreichsten Betriebe wurden ausgewählt, um zu zeigen, wie ökologischer Landbau in der Praxis funktioniert. Die Ansprüche der Besucher sind sehr unterschiedlich. Da gibt es den umstellungsinteressierten Landwirt, der das Gespräch mit dem Bio-Kollegen sucht. Berufsschüler kommen oft von konventionellen Betrieben und beäugen das ungewohnte Wirtschaften mit ausgesprochenem Misstrauen. "Da muss man dann schon zeigen, dass man es sachlich und praktisch drauf hat", schmunzelt Maage. Ein bisschen traurig stimmt es ihn, wie weit Kinder oft von der Natur und den Realitäten des Landlebens entfernt sind. "Manche haben noch nie zuvor ein Schwein aus der Nähe gesehen. Und leider: Sie interessieren sich auch nicht dafür."</p>
<p>"Man sollte seinen Beruf schon lieben"</p>
<p>Die letzten Jahrzehnte haben die Maages komplett ihrem Hof gewidmet. Urlaub oder Auszeiten gab’s keine, die Frage danach wird fast mit Unverständnis aufgenommen "Also, jeden Morgen in den Stall zu müssen, das war für mich nie Thema, ich muss morgens nicht lange im Bett liegen", amüsiert sich Maage, um dann ernst zu werden: "Also, man sollte seinen Beruf schon lieben, sonst kann man als Bauer nicht glücklich werden."</p>
<p>Frau Ulrike freut sich derweilen, dass sie in den nächsten Jahren vielleicht auch dazu kommen wird, ihre Ausbildung als Kinesiologin, die sie "nebenbei" machte, zu aktivieren.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Die nächste Bio-Generation am Start</span></p>
<p>Denn die nächsten Jahre werden Veränderungen bringen. Auch Ulrike Maage stammt aus der Landwirtschaft. 2011 läuft die langfristige Verpachtung für den elterlichen Hof ein paar Dörfer weiter aus, dann soll auch dort auf "Bio" umgestellt werden. Sohn Maarten steht in den Startlöchern, die Höfe als Betriebsleiter weiterzuführen und zu vergrößern. Dass der heute 27-jährige einmal weitermachen würde, der Betrieb in der Familie bleiben könnte, war lange keine Selbstverständlichkeit. Erst mit über zwanzig entschloss sich der Sohn nach einem "Schnupperjahr" beim Vater, doch eine landwirtschaftliche Ausbildung zu beginnen, die ihn u. a. nach Neuseeland und Kanada führte.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Mit Öko-Anbau auf Morgen setzen</span></p>
<p>Eine seltene Mischung aus Überzeugung und Toleranz, Idealismus und Pragmatismus, betriebswirtschaftlichem Denken und Liebe zur Schöpfung – die Maages leben sie schlüssig und erfolgreich. Würde er alles noch mal genauso machen? "Auf jeden Fall. Ich würde auch heute jedem konventionellen Bauern, der morgen noch da sein möchte, empfehlen, umzustellen." Denn an morgen denkt Maage, der politische Bio-Bauer auf dem jahrhundertealten Hof, auch heute noch am liebsten.</p>
<p>www.biolandhof.maage.de</p>
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